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Gott?!
Wie lange gehen meine Fragen ins Leere?
Mein Schweigen hat sich ins Schreien verirrt.
Mein Warten vergeblich?

Deinen Namen rufe ich;
hörst du?
Ist leerer Schall, was ich schreie?

Wo bleibst du?
Verborgener
Abwesender
Nicht Eintretender

Wie lange lässt du dich nicht sehen?

Meine Sorge,
mein Kummer,
meine Niederlage
bleibe ich damit allein?
Tag und Nacht und Nacht und Tag
als Verlierer verschrien
aussichtslos
bis meine müden Augen erloschen
endgültig?
Komm endlich!

Hat sich da nicht eine Feder zu mir verirrt?
Ist bei mir der Heilige Geist, während ich klage?
War seine Taube hier?

Gott,
mache meine Augen hell und meine Seele wieder federleicht,
nimm alle Beschwernis.

Mach meine Augen hell, lass mich Deine sehen!
Amen

 

Text: Heinz-Ulrich Richwinn
Bild: Orlando Hediger
 
 

 

Gesalzen – wir mögen es nicht, wenn uns einer die Suppe versalzt. Von einem Weltgebetstag der Frauen ist noch ein Säckchen Salz übrig geblieben. In der Bergpredigt Jesu hörte ich davon. Salz, damit Lebensmittel nicht verderben und unser gemeinsames Leben nicht anfault. (Mt 5,13)
 

Text: Heinz-Ulrich Richwinn
Bild: Orlando Hediger

 

 

Disse Kelh gehören der Ewengelishen Gemeind Ziters A 1700.

Umschrift um den alten Kelch.
Doch wer gehört wem?
Wir gehören der Verausgabung Christi hinzu.
Trinken aus dem Kelch.

Unter der Umschrift alte Wappen im Zierwerk, jeweils mit Initialen. Wer es auch sei, Stifter des Kelchs, wir stiften im Abendmahl, das wir halten, zeichenhaft ein Gedächtnis an die Verausgabung Christi. In unserem Jahr des Herrn.


 

Text: Heinz-Ulrich Richwinn
Bild: Orlando Hediger

 

 

Joh 17,17

Um den Kanzeldeckel herum läuft ebenfalls ein Vers aus dem Johannesevangelium.
Es entstammt dem grossen Gebet Jesu in der Grenzsituation des Karfreitag zum baldigen Überstieg zu Gott hin: „Heiliger Vater, heilige sie in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit.“
Jesus betet das für uns.
Er bittet Gott um unsere Gemeinschaftsfähigkeit mit Gott: heilige sie, mache sie Dir zugehörig, dass wir bei Gott ganz werden.
Heilige sie in Deiner Wahrheit des Lebens, in Deiner verheissungsvollen Verbindlichkeit uns gegenüber. Ein Bleiben im Abschied. Dadurch unser Bleiben. Ein Treusein im Aufbruch. Dadurch unser Treusein. Ein Halt im Unterwegs. Dadurch unser Halt. Und während alldem unser Anhalt der gekreuzigt-auferstandene Herr.
Das alles steckt kommunikativ in dieser Bitte. Heilige sie in deiner Wahrheit als Deutung unseres Lebens: dein Wort ist die Wahrheit.
Begonnen hat sie: die Aufhellung.

Jede Predigt hat sich in dieser Erhellung, in dieser Aufhellung zu üben, um dadurch für die Gemeinde unter dem Wort ansprechend zu sein.
Ein Wagnis, nachdem ich die ehrwürdige Kanzeltür aufgemacht habe.
Der Vers läuft soweit um den Kanzeldeckel herum, als ein Feld frei bleibt. Es ist das zum schlichten österlichen Triumphbogen hin. Ein leeres Feld als Freiraum, sich die Erhellung anzueignen, auf sich zu beziehen, Wahrheit zu verinnerlichen. Jede und jeder kann sich da im Geiste eintragen.
 
Text: Heinz-Ulrich Richwinn
Bild: Orlando Hediger

 

 

Joh 8,47

Überstieg

Liebe Leserinnen und Leser,
in der Kanzelbrüstung befindet sich der Anfang eines Verses aus dem Johannes-
evangelium. „Wer aus Gott ist, der höret Gottes Wort.“ Früher, als die Kanzel noch auf der anderen Seite des Bogens viel höher stand, war mit dem Kanzelwort an die Gemeinde leibhaftig ein Aufstieg verbunden. Der Prediger musste die Kanzel erklimmen, um dann darauf ein klares Wort sagen zu können. Heute ist der Aufstieg zur Kanzel nicht mehr so gross. Dennoch bleibt er. Dieser äussere Umstand führt mich auf die besondere Sicht der Wirklichkeit, die dem Johannesevangelium zu Grunde liegt. Diese besondere Sicht auf die Wirklichkeit kann als ein Überstieg beschrieben werden, unabhängig davon, ob ich nun berggängig bin oder nicht, ob ich Gratwanderungen liebe oder sie meide.

Gott ist immer derjenige, der mich und was ich für wirklich halte, übersteigt. Gott ist immer diejenige, die uns zum Überstieg einlädt, sobald ich das Wort Gottes höre, sobald ich aus diesem Wort Gottes einen Überstieg heraushöre. Wer aus Gott ist, der oder die ... „Die irdische Wirklichkeit wird immer wieder überschritten in Richtung auf den wichtigeren Teil der Wirklichkeit, der unsichtbar ist.“ (Klaus Berger) Die vordergründige Wirklichkeit, wie wir sie auffassen, wird dadurch erweitert, verändert, in Frage gestellt, vertieft, in den wesentlichen Bezug zu Gott gebracht. Ein schöpferischer Überstieg jeweils.

In Alltäglichkeit geht es um ein Lamm, doch es ist Gottes Lamm mit einer übermächtigen Traglast. (Joh 1,29)
In Alltäglichkeit geht es um Geburt, doch um die Geburt aus Wasser und Geist. (Joh 3,5)
In Alltäglichkeit geht es um Brot, meinetwegen Fladenbrot, verteilt in dieser kleinen, durch äussere Umstände bedrängten Gemeinde, doch es zeigt sich im Überstieg als Brot des Lebens. (Joh 6,35)
In Alltäglichkeit geht es um die Tür eines Schafsstalles, doch es wird im Überstieg zum Christuswort: ich bin die Tür. (Joh 10,9)
Die alltägliche Realität wird dabei nicht hintangestellt. „Sie erhält vielmehr den Charakter einer Bildwirklichkeit.“ In Bezug auf Gott kann ich sie verstehen, nachvollziehen, sie ergründen, „um das darin abgebildete Unsichtbare wirklich zu treffen.“ (ders.)
Dieser Überstieg steht ebenfalls bei den gehörten Wundern, oder betreffs messianischer Erwartungen an. Dieser Überstieg verbürgt meine Identität als Christ. Nur wenn wir diesen Überstieg jeweils wagen, bleiben wir im Glauben, haben wir Anteil an der „bleibenden Qualität des unsichtbaren Gottes.“ (ders.) Wie der Brotkrümel in Bezug auf das Brot, wie der Wassertropfen in Bezug auf die Quelle, wie ein Lichtstrahl in Bezug auf das Licht.
Dieser Überstieg gilt auch für die Wirklichkeit des Todes.
Unterschiedliche Fratzen an der Kanzel wehren die Unmöglichkeit ab, nicht zu dieser unsichtbaren Wirklichkeit vordringen zu können. Der Überstieg ist möglich. Jede Predigt, nicht nur zum Johannesevangelium, lädt dazu ein. Denn selbst unter der Buchauflage der Kanzel wehrt ein speiender Drache die Unmöglichkeit ab, diesen Überstieg nicht schaffen zu können. Ein Kranker kann das. Eine Sterbende kann das, ein Mutiger auch und eine Verzweifelte ebenso. Dieser Überstieg ist fruchtbar zu nennen, wenn ich auch die Früchte an der Kanzel achte. Manches Schwere oder auch manches Glück bekommt in Gottes Horizont Zierde, wenn wir auf das geschnitzte Rankwerk unserer Kanzel achten. Wer aus Gott ist, der höret Gottes Wort. Selbst wenn ich mich fühle, als wäre ich auf dem absteigenden Ast, lädt jede Predigt aufgrund dieses Kanzelspruches dazu ein, meine Lebenssituation auf Gott hin zu übersteigen.
Unsere Barockkanzel empfiehlt uns das. Sie empfiehlt den Überstieg.
Amen
 
Text: Heinz-Ulrich Richwinn
Bild: Orlando Hediger